Gartenhaus vom Steintisch aus

Ein Rundgang durch Schillers Gartenhaus

Friedrich-Schiller-Universität Jena
Gartenhaus vom Steintisch aus
Foto: Franco Cogoli

SCHILLERS JENAER JAHRE

Sehr geehrte Besucherinnen und Besucher,

wir begrüßen Sie in Friedrich Schillers Gartenhaus. Dieser Ort lässt auch heute noch das Jenaer Jahrzehnt (1789–99) des Dichters, Historikers und Philosophen lebendig werden. 1789 wurde Schiller als Professor an die Universität Jena berufen. Hier begann er seine Lehrtätigkeit mit der berühmten Antrittsvorlesung „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ Im engen Austausch mit Johann Wolfgang von Goethe verfasste er seine großen kunsttheoretischen Schriften, entfaltete seine lyrische Produktion und begann sein dramatisches Spätwerk. Schillers Jenaer Jahre wurden auch durch schwere gesundheitliche Krisen bestimmt. Seit 1791 litt der Dichter an einer chronischen Lungenkrankheit. Um seiner Gesundheit aufzuhelfen, suchte er nach einem Haus mit Garten, wo er die Sommermonate in freier Luft verbringen konnte. Zu Beginn des Jahres 1797 fiel seine Aufmerksamkeit auf den „Schmidtischen Garten“, den die von ihm geförderte Dichterin Sophie Mereau mietweise bewohnt hatte. Das etwa 1600 Quadratmeter umfassende Anwesen, das Schiller im März 1797 für die Summe von 1150 Talern erwarb, lag auf einer kleinen Anhöhe in einer vorwiegend ländlich geprägten, anmutigen Gegend der Vorstadt. Das darin befindliche Gartenhaus war gegen Mitte des 18. Jahrhunderts in Fachwerkbauweise errichtet worden. Seit 1766 hatte es dem Jenaer Rechtsprofessor Johann Ludwig Schmidt (1726–92) als Sommerwohnung gedient. Nach ersten Instandsetzungsarbeiten konnte Schiller am 2. Mai 1797 das Haus beziehen.
Noch am selben Abend schreibt er an Goethe:

„Ich begrüße Sie aus meinem Garten, in den ich heute eingezogen bin. Eine schöne Landschaft umgibt mich, die Sonne geht freundlich unter, und die Nachtigallen schlagen. Alles um mich herum erheitert mich und mein erster Abend auf dem eigenen Grund und Boden ist von der fröhlichsten Vorbedeutung.“

RUNDGANG DURCH DAS HAUS

Nach dem ersten im Garten verlebten Sommer – im Winterhalbjahr zog die Familie in ihre Stadtwohnung zurück – veranlasste Schiller umfangreiche bauliche Veränderungen. Um das Gebäude den Bedürfnissen seines siebenköpfigen Hausstandes anzupassen, ließ er auf allen Etagen Zwischenwände einziehen und den oberen Teil der Treppe verlegen. Außerdem wurden ein Schornstein und mehrere Öfen eingebaut. Heute präsentiert sich das Haus – sowohl was die Raumaufteilung als auch was die Fassung der Wände mit Farbanstrichen und Tapeten betrifft – weitgehend im Zustand der Schillerzeit.

Bedienstetenstube

Im Erdgeschossraum, unmittelbar neben der Tür zum Garten, waren zu Schillers Zeit die beiden weiblichen Bediensteten Christine und Wilhelmine Wetzel untergebracht. Die Schwestern aus Schwaben, die auf Vermittlung von Schillers Mutter nach Thüringen kamen, erledigten sämtliche Arbeiten im Haushalt. Darüber hinaus waren sie für die Betreuung der Kinder zuständig. In der Bedienstetenstube schliefen daher auch die beiden Söhne Karl (geb. 1793) und Ernst (geb. 1796). Heute informiert hier eine Ausstellung über Schillers Jenaer Jahrzehnt und die Geschichte des Hauses.

Wohnräume Charlotte Schillers

Wohnraum Charlotte Schillers

Foto: Harald Wenzel-Orf

Das erste Obergeschoss bewohnte Schillers Frau Charlotte. Ihr standen eine Stube mit angrenzender Schlafkammer zur Verfügung. Die Stube, die eine „paille-gelbe“ Tapete mit dazu passender Bordüre schmückt, ist im Stil der Zeit um 1800 eingerichtet. 
Der urnenförmige Ofen gehört zu den ganz wenigen Originalen, die sich aus Schillers Zeit im Gartenhaus erhalten haben. Er stammt aus der Werkstatt des Jenaer Hofkupferschmiedes Christoph Gottlieb Pflug.

Bei dem Schreibsekretär in der rechten Ecke des Raumes handelt es sich um den Nachbau eines Möbels, das ursprünglich für Charlotte Schillers Mutter – Louise von Lengefeld – angefertigt worden war. Die Täfelchen auf der Schreibfläche vermitteln einen Eindruck von Charlotte Schillers Lektüren. Auf kleinformatigen Kärtchen, die in einem eigenen Kästchen verwahrt wurden, notierte sie Sätze und Verse aus literarischen und philosophischen Werken. Als Lesende ist Charlotte Schiller auch auf dem Gemälde von Ludovike Simanovitz dargestellt, dessen Reproduktion im Nebenraum zu sehen ist. Eine Tafel links neben der Tür vergegenwärtigt wichtige Stationen ihrer Biographie und intellektuellen Entwicklung. Die Schriftstücke in der Kommode an der Fensterseite dokumentieren ihr Interesse an der Naturforschung und ihren Anteil an dem „glücklichen Ereignis“, der Dichterfreundschaft zwischen Schiller und Goethe. An die ursprüngliche Bestimmung des Zimmers als Schlafkammer erinnert der Nachbau eines Waschtisches, den Schillers Verleger Friedrich Cotta während eines Besuchs im Frühjahr 1798 aus Leipzig mitgebracht und der Familie zum Geschenk gemacht hatte.

Wer sich an diesem Ort näher mit Charlotte Schiller beschäftigen möchte, sei auf den Schuber auf dem Tisch in der Stube verwiesen. Er enthält neben einer biographischen Annäherung auch Briefe aus der Gartenhauszeit, ausgewählte Gedichte und Auszüge aus ihren Tagebüchern.

Mansarde

Die Mansarde

Foto: Franco Cogoli

Im Dachgeschoß (Mansarde) verfügte Schiller über eine geräumige Studierstub, die mit blauer Tapete ausgestattet war. Hier empfing er auch Besucher und las aus seinen Werken vor. 
Die Gartenhaus-Zeit gehört zu den literarisch produktivsten seines gesamten Schaffens. Während der drei Sommer entstanden hier die berühmten Balladen für den „Musen-Almanach“, wesentliche Teile des „Wallenstein“ und der „Maria Stuart“ sowie „Das Lied von der Glocke“.  Unter den Fenstern der Westseite befand sich  die Bibliothek; sie enthält heute Erstausgaben von Schillers Werken und Zeitschriften sowie Jahrgänge der „Allgemeinen Literatur-Zeitung“, deren Speditionsgebäude sich in unmittelbarer Nähe – am Standort der heutigen Post – befand. Goethe hat diesen Raum des schönen Ausblicks wegen, den die Fenster der Südseite ins Saaletal gewährten, besonders geschätzt. An der Wand gegenüber hängt ein Kupferstich mit seinem Bildnis, den der Schweizer Künstler Johann Heinrich Lips im Jahr 1791 fertigte.

Kammern

Schlafkammer im Dachgeschoss

Foto: Franco Cogoli

Vom Arbeitszimmer gelangt man in zwei kleine Kammern: die vordere präsentiert sich als Schlafkammer Schillers, der als notorischer Nachtarbeiter erst spät zur Ruhe fand. Die zweite kleine Kammer ist als Schlafraum für den Diener Gottfried Rudolph eingerichtet, der als eine Art „Privatsekretär“ auch Schreib- und Kopierarbeiten verrichtete. Aus seinem Besitz stammt auch die originale Schreibfeder, die in der Ausstellung im Erdgeschoss zu sehen ist.

Garten

Bank im sommerlichen Garten

Foto: Fiona Daffner

Über Gestalt und Aussehen des Gartens sind wir besonders durch zwei Bildzeugnisse unterrichtet: durch einen historischen Plan, den der Student Dietrich Christian August Steinhaus 1799 für Schiller anfertigte und durch eine Zeichnung Goethes aus dem Jahr 1810. Briefzeugnisse belegen überdies, dass im Gemüsegarten unmittelbar am Haus Spargel und Mangold angebaut wurden. Der hintere Teil des Gartens war dicht mit Obstbäumen bestanden und mit Blumen geschmückt: Schiller schätzte besonders die Verbindung von Rosen und Lilien. Im Westen wurde das Grundstück von einer kleinen Schlucht begrenzt, durch die der (heute unterirdisch geführte) Leutrabach floss. In der nordwestlichen Ecke des Anwesens hatte Schiller bereits 1797 ein kleines Küchengebäude errichten lassen.

Gartenpavillon

Die »Gartenzinne«

Foto: Fiona Daffner

Auf der gegenüberliegenden Seite entstand im folgenden Jahr ein kleiner turmartiger Pavillon, den Schiller liebevoll sein „Belveder“ nannte. Für den Raum in der unteren Etage war ein gemauertes Bad vorgesehen, während das obere Stockwerk Schiller als Rückzugsort zum Dichten diente. Über die Reize dieses Ortes berichtet Charlotte Schiller wenige Wochen nach Fertigstellung (26. September 1798):

„Ein Gartenhaus ist entstanden, der Küche gegenüber, was eine wunderschöne Aussicht hat nach der Saale hin, und ins Leutratal, wo ich mich beim Mondschein sehr ergötze, die großen Massen von Licht und Schatten zu sehen, die an dem Abhang und weißen Sandfels entstehen.“

Der Garten war auch ein Ort für Geselligkeit und intellektuellen Austausch. Bei angenehmem Wetter pflegte Schiller seine Gäste im Freien zu empfangen, um mit ihnen im lebhaften Gespräch auf den Wegen umherzuwandeln. Zu den zahlreichen Besuchern in dieser Zeit gehörten etwa Caroline von Humboldt, Sophie Brentano, Susette Gontard, Ludwig Tieck, Fichte und Schelling.

Steintisch und Laube

Steintisch unter der von Rosen bewachsenen Laube in Schillers Garten in Jena

Foto: Jennifer Günther

Die Mittelachse des Gartens führt auf den historischen Steintisch, der damals in einer dicht bewachsenen, schattigen Laube stand. Hier fanden auch die abendlichen Gespräche mit Goethe statt, der bei seinen Aufenthalten in Jena fast täglich Schiller im Garten besuchte. In Erinnerung an diese Zusammenkünfte äußerte Goethe im Oktober 1827 anlässlich seines letzten Besuches gegenüber Johann Peter Eckermann:

„In dieser Laube, auf diesen jetzt fast zusammengebrochenen Bänken haben wir oft an diesem alten Steintisch gesessen und manches gute und große Wort miteinander gewechselt.“

Nachdem Schiller im Dezember 1799 nach Weimar gezogen war, um sich dort stärker der Theaterarbeit zu widmen, vermietete er das Haus für zwei Sommer an den befreundeten Juristen Gottlieb Hufeland. Im März 1801 zog sich Schiller noch einmal für einige Wochen hierher zurück, um ungestört am vierten Akt der „Jungfrau von Orleans“ zu arbeiten. Im Juni 1802 verkaufte er schließlich sein Jenaer Besitztum an den Rechtsprofessor und Zivilrechtler Anton Friedrich Justus Thibaut.

Im Jahre 1811 – sechs Jahre nach Schillers Tod – erwarb der Weimarer Herzog Carl August das Anwesen, um hier die erste Jenaer Sternwarte zu erbauen. Das Gartenhaus selbst diente fortan ihren Direktoren als Dienstwohnung.

ERINNERUNGSORT DICHTERHAUS

Schiller Büste Eingang

Foto: Schillers Gartenhaus

Um dem „Wunsch Einheimischer und Fremder“ zu entsprechen, unterbreitete Goethe bereits 1817 einen ersten Plan, das Arbeitszimmer im Pavillon als einen Erinnerungsort für den verstorbenen Dichterfreund einzurichten. Damit steht die „Gartenzinne“, wie Goethe das kleine Bauwerk im „Epilog zu Schillers Glocke“ nannte, am Anfang einer Kulturgeschichte des deutschen Dichterhauses. Auch wenn dieser Plan damals nicht verwirklicht wurde – die Zinne musste bereits 1818/19 wegen Baufälligkeit abgerissen werden – wurde der Garten schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem Anziehungspunkt für Schillerverehrer aus aller Welt. An der Stelle der abgetragenen Zinne ließ der Jenaer Mediziner Georg Dietrich Kieser 1846 einen Granitblock mit der Inschrift „Hier schrieb Schiller den Wallenstein“ aufrichten.

An die Tradition des „classischen Ortes“ (Goethe) knüpft auch Ernst Abbe an, der als Direktor der Sternwarte von 1878 bis 1886 im Gartenhaus wohnte. Er versammelte seinen sonntäglichen Gesprächskreis am Steintisch und ließ dort eine Tafel mit dem Goethe-Wort vom letzten Besuch im Jahr 1827 anbringen. Auf seine Veranlassung entstanden Teile des südlichen Anbaus und die Veranda, die heute als Vortragsraum genutzt wird. Das ehemalige Bedienstetenzimmer richtete er als sein Arbeitszimmer ein. Dort fand 1881 auch das erste Treffen zwischen Abbe und dem Glaschemiker Otto Schott statt, in dem die künftige Zusammenarbeit bei der Fertigung optischer Geräte begründet wurde. Nach Abbes Auszug wurde das alte Observatorium, das unmittelbar an die Westseite des Hauses angebaut war, abgebrochen und eine neue Sternwarte auf dem südlich angrenzenden Grundstück errichtet. Sie wurde 1889 zum 100. Jahrestag von Schillers Antrittsvorlesung eingeweiht. Davor steht heute ein Abguss der Kolossal-Büste, die in der Tradition Johann Heinrich Danneckers das Bildgedächtnis Schillers im 19. Jahrhundert wesentlich bestimmt hat.

SINNBILD DER UNIVERSITÄT JENA

Zeichnung von Johann Wolfgang von Goethe (1810)

Foto: Klassik Stiftung Weimar

1924 wurden im Haus zwei Schillerräume mit zeitgenössischen Interieurs eingerichtet. Die „Gartenzinne“ konnte 1978 auf Initiative des Kustos Günter Steiger nach den historischen Vorlagen wieder errichtet werden, wobei man das Arbeitszimmer gemäß dem Goethe-Plan von 1817 gestaltete.
Nach umfänglichen Restaurierungsarbeiten ist das Gartenhaus seit 1990 als museale Stätte der Friedrich-Schiller-Universität für Besucher zugänglich. Es versinnbildlicht gleich zwei Traditionen der Universität, die sich hier begegnen: die philosophische und künstlerische um 1800, die Jena zu einer der bedeutendsten Universitäten in Europa werden lässt, und die naturwissenschaftlich-technologische, die in der Kooperation von Ernst Abbe, Otto Schott und Carl Zeiss zur Etablierung der optischen Industrie in Jena führte.